Mein Jakobsweg – Verlängerung

Tag 1:

Nachdem ich gestern eine halbe Ewigkeit im strömenden Regen gelaufen bin und mir der Security-Typ am Pilgerbüro dann allen Ernstes erklärt hat, dass es heute keine Möglichkeit mehr gibt, eine Nummer zu ziehen, geschweige denn heute überhaupt die Compostela zu bekommen. Toll. Na dann, ab in die Herberge und morgen einfach bisschen früher da sein, dann klappt das schon alles und ich kann mich auf den Weg machen. Ha ha, so kann man sich irren.

20 Minuten bevor das Büro überhaupt öffnet, steh ich schon als 273ter in der Schlange. 8 Uhr – die Tür öffnet sich und einer nach dem anderen strömt hinein, um sich seine Nummer abzuholen. Was jetzt? Erstmal frühstücken. Mittels QR-Code lässt sich auf der Internetseite des Pilgerbüros überprüfen, welche Nummer gerade an der Reihe ist. Also ist die Zeit nicht ganz verloren. Im Kaffeehaus treffe ich einen netten Holländer, der dasselbe Problem hat wie ich und auch auf seine Urkunde wartet. 2,5 Stunden. Endlich hab ich den Wisch. Als würde ich ein Blatt Papier brauchen, was mir belegt, dass ich so weit gegangen bin. Jeder, der mir nicht glaubt, ist herzlich dazu eingeladen, einen Blick auf meine Füße zu werfen. Aber es gehört eben dazu. Und weiter geht’s.

Da kommt auch schon das nächste Problem. Meine Gel-Einlagen sind, nach dem weltuntergangsähnlichen Regen, dem Trockner zum Opfer gefallen, deshalb bin ich jetzt wieder in Schuhen unterwegs, denen ich den Weichheitsgrad von Holz geben würde. Verdammt. Von der versprochenen Ruhe auf dem Weg nach Muxia ist auch keine Spur. Eine Unmenge an Leuten unterwegs. Darunter auch Jens, mit dem ich am Weg in ein Gespräch komme, und wir teilen uns dann einfach die letzten 10 Kilometer. Wie es der Zufall so will, hat er ein paar Einlegesohlen in seinem Rucksack, die er nicht verwenden kann und die er mir gegen eine Biereinladung überlässt. Wie viel Glück kann man eigentlich haben? Mal sehen, wie es morgen weitergeht.

Tag 2:

Fängt ja ganz gut an. In der Nacht hat’s geregnet, aber im Moment ist es trocken, nicht allzu kalt und die Einlagen sitzen auch. Vielversprechend.

Erstmal raus aus der Stadt und ab in die Dunkelheit.

Die Nächte werden immer länger und somit ist es ziemlich lange dunkel auf meinem Weg. Quasi mitten in der Nacht, mit Stirnlampe, durch den Wald zu laufen, ist dann doch nicht so spaßig, wie es sich vielleicht anhört. Tja, wie soll es auch anders sein, die guten Versprechungen des Morgens sind natürlich nicht eingetroffen. Erst kommt starker Wind, anschließend starker Regen.

Ein einziger Moment, an dem ich mein Handy noch verwenden kann – hier festgehalten. Danach lass ich mich wieder mal den ganzen Tag von oben bis unten duschen. Ist ja auch schon fast 2 Tage her, seit das das letzte Mal passiert ist. Gerade so lange, dass ich meine Sachen alle halbwegs trocken bekommen hab. War umsonst. Zum Glück bin ich nicht alleine, sondern Jens, der am Vortag noch in den nächsten Ort weiter marschiert ist, quält sich genau wie ich durch den furchtbaren Regen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Klingt zwar gut, ist aber einfach Schwachsinn. Komplett fertig, mit literweise Wasser in meiner ganzen Kleidung bis hin zur Unterhose verteilt, watschel ich in die Herberge und frage nach einem Bett. Mitten in der Bar bildet sich um mich herum schon eine kleine Pfütze, während ich warte, dass die Dame endlich alle mein Daten aufgenommen hat. Achtung, Rutschgefahr! Und das Spielchen von vor 2 Tage geht wieder von vorne los. Schuhe trocknen, Kleidung waschen und trocknen, Rucksack komplett ausräumen, Rucksack trocknen. Ein Traum. Ich hab auf jeden Fall für längere Zeit genug vom Regen. Das ist gewiss.

Tag 3:

Der heutige Tag beginnt zumindest sehr erfreulich. Der Regen des gestrigen Tages hat sich komplett aufgelöst und ich habe Mitstreiter für die ersten Kilometer gefunden. Ein Wiener und zwei Hamburger, die auf dem Weg nach Fisterra sind und somit die ersten 10 Kilometer die gleiche Strecke wie ich haben, machen wenigstens den Morgen lustig. Das Einzige nicht so Lustige daran ist, dass durch den Monsunregen gestern die Straße teilweise komplett unter Wasser steht und es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Heißt so viel wie, Schuhe-Trocknen war richtig unnötig. Mal wieder nasse Socken. Doch auch davon lass ich mich nicht runterziehen. Nachdem sich unsere Wege trennen, knall ich mir die Kopfhörer in die Ohren, dreh die Musik voll auf und marschier los, was meine Füße heute hergeben. Knapp 3 Monate hat es gedauert, aber da ist es.

DAS MEER! Die letzten Kilometer sind so gut wie hinüber und schon steh ich am Strand.

Was für ein Gefühl. Einfach Wahnsinn. Alle Wolken verschwinden hinter mir am Horizont und die Sonne vergönnt mir heute den Tag am Strand richtig. Da gibt’s nur eines. Danke sagen und ab ins Wasser.

Das Wasser ist natürlich eiskalt, aber diesen Sieg lass ich mir einfach nicht nehmen. Auch die Herberge heut ist ein Traum. Einfach alles ist perfekt. Und womit belohnt man sich in einem Fischerdorf – natürlich mit fangfrischen Muscheln und Fisch – ur lecker zubereitet.

Nach einer kurzen Erkundung des Ortes befinde ich mich auf dem Berg, dem höchsten Punkt von Muxia mit seinen magischen Steinen und traumhaften Rundumblick. Ein Ort, der nicht wirklich zu beschreiben oder fotografieren ist, aber für mich eine bleibende Erinnerung sein wird.

Ein Traumtagerl von vorne bis hinten. So kann’s am morgigen letzten Tag ruhig weitergehen. Falls nicht, dann nehm ich einfach den heutigen Tag als offiziellen Abschluss.

Tag 4:

Raus aus dem Bett und rein in die Schuhe. Ein allerletztes Mal. Was wäre so ein Tag, wenn mir nichts weh tun würde? Definitv keine Herausforderung. Linker Fuß, Blasen an kleiner Zehe und Ferse, rechter Fuß, Schmerzen im Schienbein. Super Kombi. Aber es sind ja nur mehr 28 Kilometer. Aber die wollen einfach nicht aufhören. Der Weg führt heute teilweise an der Küste entlang und etwas weiter landeinwärts durch Wälder. Kein Verkehr, keine Dörfer nur ich und der Weg. Und natürlich 1000 andere Pilger. Hätt ich fast vergessen. Doch auch von denen lass ich mich nicht ablenken. Die Musik und einige Telefonate mit den Freunden zuhause helfen mir, trotz der Schmerzen weiterzugehen. Doch man merkt erst wie lang ein Kilometer eigentlich ist, wenn jeder Schritt verdammt schmerzt. Endlich. ENDLICH! Das Ende. Fisterra. Im Hotel, ja am letzten Tag war ich so frei und hab mir ein Hotelzimmer gegönnt, lade ich meinen Rucksack ab und schlüpfe in meine Sandalen. Die letzten 3 Kilometer kann ich, dank freier Zehe und Ferse, fast schmerzfrei gehen. Noch eine kurzes Selfie.

Die letzten Schritte. Da ist es. Das Ende.

Der westlichste Punkt Spaniens, Kilometer 0,000. Um jetzt weiterzukommen, heißt es schwimmen. Das werde ich aber auf die Zukunft verschieben und freue mich einfach, angekommen zu sein.

Übersicht:

Weg: Santiago de Compostela – Negreira – Olveiroa – Muxia – Fisterra

Strecke: 119,7 km

Schritte: 163.190

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