Mein Jakobsweg Tag #77

Ich weiß nicht warum, aber mit Italienern in einem Raum zu schlafen, ist einfach unmöglich. Die eine Hälfte macht bis spät nachts Lärm und Lichtspiele im Raum und die andere Hälfte steht um 5.00 Uhr auf und beginnt lautstark ihre Rucksäcke zu packen. Da ich einen langen Tag vor mir hab und einen halbwegs kühlen Kopf bewahren möchte, ignorier‘ ich sie einfach und mach‘ mich selber früh auf den Weg. Der kühle Kopf stellt heute auch kein Problem dar, da ich dank dem Regen gleich in der Früh das erste Mal mit meiner Ausrüstung an meine Grenzen stoße. Es ist wirklich kalt und das trotz Vliesweste und Regenjacke. Hilft nur schneller gehen. Das neben einer Straße in der totalen Dunkelheit. Irgendwie beruhigend. Kein Mensch, keine Autos unterwegs, der Regen prasselt auf mich nieder und am Horizont zuckt hin und wieder ein Blitz und erhellt die weite Ebene für einen Moment. Die Zeit vergeht heut wie im Flug. Kaum spürbare Schmerzen, die Sonne geht langsam auf und der Regen hört auch auf.

Dann hol ich mir da im Tal mal ein kleines Frühstück. Heute lass ich mich nicht stressen. Ich hab mir vorgenommen, heute 3 Pausen zu machen, um meinen Körper nicht so kurz vor dem Ziel komplett zu zerstören. Und der Plan geht auf! Von jeder Pause zur nächsten sind es nur etwa 10 Kilometer, in denen ich mein Tempo problemlos durchziehen kann. Obwohl ich alle Lieder meiner Playlist schon mindestens 100 Mal rauf und runter gehört habe, finde ich heute den richtigen Flow.

Zu sehen gibt’s heute auch viel – wie hier die Kathedrale von Astorga. Der Stress kommt erst jetzt. Ab der Mittagszeit, als die Sonne wieder da ist und es warm wird, sind regelrechte Menschenmassen auf dem Weg unterwegs. Das Rennen um die Betten hat begonnen. Mein Plan wäre gewesen, gemütlich um 15.00 Uhr anzukommen und nach einem Bett zu suchen. Tja, mit so vielen Menschen hab‘ ich natürlich nicht gerechnet. Die Nervosität, kein Bett zu bekommen, verleitet mich, immer schneller zu gehen, schon fast zu laufen. Ich laufe innerhalb der nächsten 2 Stunden an mindestens 100 anderen Pilgern vorbei. Für meine letzte Pause nehm‘ ich mir nochmal 20 Minuten Zeit, um vor dem Berganstieg meine Beine ein wenig ausruhen zu können. Dann heißt es, zu beweisen, was noch alles in meinen Wadln steckt. Ich ziehe wie aufgeladen den Berg hinauf und lasse alles und jeden hinter mir. Schon steh ich vor meiner heutigen Herberge. Eine halbe Stunde vor meinem Zeitplan. Nicht schlecht. Frisch geduscht setzte ich mich mit einem kleinen Bier auf die Terrasse der Herberge und sehe dem Treiben der ankommenden Pilger zu. Exakt 10 Minuten nach dem Zeitpunkt, an dem ich die Herberge nach meinem Plan hätte erreichen sollen, sind alle Betten vergeben. Auf mein Bauchgefühl kann ich mich also noch verlassen. Gut zu wissen.

Tagesübersicht:

Weg: Hospital de Orbigo – Astorga – Foncebadon

Strecke: 40,8 km

Schritte: 50.780

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: