Mein Jakobsweg Tag #72

Heute hab ich eine der längsten Etappen meiner gesamten Reise vor mir. Toll, wenn man an so einem Tag um halb 6 von einer Horde junger Italiener mit wildem Taschenlampen-Gefuchtel geweckt wird. Bis die endlich alle ihre Sachen beisammen haben und aus dem Zimmer sind, lohnt es sich für mich auch schon nicht mehr, mich nochmal umzudrehen. Also raus aus dem Bett und rein in die Schuhe. Es gibt mittlerweile nichts, was ich schlimmer finde, als täglich in diese Schuhe zu schlüpfen, ich kann sie nicht mehr sehen. Was soll’s, jetzt geht’s los. Der Ruhetag gestern hat unglaublich gut geholfen, heute spür ich ungewohnter Weise keinen einzigen Schmerz im Körper. Seltsames Gefühl. Quasi mitten in der Nacht bin ich auf dem Weg mit der Hoffnung wenigstens noch den Sternenhimmel ein wenig genießen zu können. Nix da. Eine dicke Wolkendecke und ein eiskalter Wind vermiesen mir schon den Tag, bevor er überhaupt richtig angefangen hat. Mit dem Frühstück kommt die unerwartete Wende. Café, Croissant, eine Empanada (allesamt köstlich) und dazu noch Livemusik. Das nicht etwa von einer Band, sondern vom Barkeeper, der sich hinter der Bar die Seele aus dem Leib performt.

Wahnsinn. Ich muss ihn einfach fragen, wer er ist. Eloy Sanamé, heißt er. Er ist Sänger, aber arbeitet mit im Nirgendwo in einer kleinen Albergue als Kellner/Barkeeper und macht Smoothies für Pilger. Sowas kann man sich nicht ausdenken. Beim Frühstück stößt dann auch noch Katarina dazu und wir teilen uns die nächsten paar Kilometer bis sie wegen Fußschmerzen ihr Tempo drosseln muss. Na gut, servas.

Echt verrückt, wie viele Kontakte ich in verschiedenste Länder geknüpft habe in den letzten Tagen und Wochen. Um die Mittagszeit, nach zirka 30 Kilometern über Berge und Felder, kommt bei mir der erste Energieeinbruch.

Das zwingt mich, etwas zu tun, was ich seit Ewigkeiten nicht getan habe. Mittagessen. Ein Sandwich, einen kleinen Hamburger und ein kleines Päuschen später bin ich bereit, es mit den letzten Kilometern aufzunehmen. Alle Pilger, an denen ich vorbeilaufe, sehen noch fertiger aus als ich, was mich natürlich nochmal ungemein motiviert. Die letzten Schritte vor der Herbege versuch‘ ich noch, das letzte bisschen Hirnmasse für heute zusammenzukratzen, um den Hospitalier zu begrüßen und so schnell wie möglich in mein Bett zu kommen. Geschafft. Total fertig, aber ich hab’s durchgezogen.

Tagesübersicht:

Weg: Hornillos del Camino – Hontanas – Fromista

Strecke: 44,7 km

Schritte: 58.260

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