Mein Jakobsweg Tag #66

Unter strahlendem Sternenhimmel starte ich heute in den Tag und das, obwohl es schon fast 7.00 Uhr ist. Mit meiner Taschenlampe bewaffnet, versuche ich, den Schildern aus der Stadt zu folgen, was sich als ziemlich schwierige Aufgabe herausstellt. Einige davon sind nämlich kaum zu sehen, andere hingegen sehr auffällig.

Die einzige Belohnung für die Anstrengung so früh am Morgen ist der Sonnenaufgang. Ooh, dieser Sonnenaufgang. Er färbt den Himmel in verschiedene Orange- und Pinktöne und verdrängt den dunklen Nachthimmel Stück für Stück.

Mit den ersten Sonnenstrahlen auf der Haut, die mir in dieser Eiseskälte ein wenig Wärme spenden, fällt das Gehen auch gleich viel leichter. Aber abgesehen von dem schönen Morgen ist das Highlight meines Tages der Weinbrunnen des Monasterio de Santa Maria Irache.

Ich versteh‘ nicht ganz den Sinn dahinter, gratis Wein durch einen Zapfhahn an Pilger zu verschenken, aber ich bin definitv ein Fan davon. Nach einem „Schlückchen“ geht’s auch schon weiter, hab ja schließlich noch den ganzen Tag vor mir. Und der hat’s echt in sich. Nur ein paar kleine Dörfer durch die man in knapp einer Minute durch ist und dazwischen ewig nichts. Noch dazu mit Zeitdruck im Rücken, da mein reserviertes Bett sonst an jemand anders geht. Nach Kilometern durch die „Wüste“ Spanien komme ich endlich in Los Arcos, meinem heutigen Etappenziel, an. In der Herberge sagt mir dann der Hospitalier, dass er vergessen hat, meinen Namen auf die Liste zu setzen und ich quasi keinen Platz im Zimmer bekomme, aber er noch ein paar freie Matratzen am Dachboden hat. Na klar, ist ja auch genau das, was ich hören will. Nach 35 Kilometern, bei knapp 30 Grad, eine Matratze am Dachboden zum selben Preis wie die andern Pilger. Wär ich nicht gerade hier auf meinem spirituellen Selbstfindungstrip, was auch immer, hätt ich dem Kollegen am liebsten die Zähne eingeschlagen. Die vergebliche Suche nach einem Bett in einer anderen Herbege stellt mich vor die Wahl, zurück kriechen und dort auf dem Dachboden schlafen oder in den nächsten Ort weiter marschieren. Was mach ich jetzt? Na logisch, 6,5 Kilometer dranhängen, und wenn’s mich umbringt. Die andere Option lässt mein Stolz einfach nicht zu. Also in der schlimmsten Hitze einfach weitergehen. Jetzt nicht unbedingt meine beste Idee, aber meine einzige Chance. Als ich dort dann mit anderen Pilgern aus aller Welt bei einem Bier sitze und die Unterhaltungen richtig lustig werden, merke ich, dass es eindeutig die richtige Entscheidung war.

Danach gibt’s noch ein gemeinsames Abendessen mit Wein und ohne Übertreibung ist es jetzt noch zu einem der lustigsten Abenden meiner Reise geworden.

Tagesübersicht:

Weg: Cirauqui – Estella – Los Arcos – Sansol

Strecke: 41,6 km

Schritte: 54.310

2 Kommentare zu „Mein Jakobsweg Tag #66

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  1. Hallo Kai, hier Peter vom Tag 63. Wie ich sehe kommst ganz gut voran. Bin heute selber in Sansol angekommen ( vielleicht hole dich noch ein ;-)) Wünsche dir weiterhin einen guten Weg – Buen Camino

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