Mein Jakobsweg Tag #63

Ein neuer Tag, keine Verbesserung. Ich hab‘ gesagt, mich hält jetzt nichts mehr auf, also weiter geht’s. Nur eben mit Schmerzen, was soll’s. Dass in Spanien mehr los ist, habe ich ja erwartet, aber dass ich mich um halb 7 in der Früh in einem Gedränge an Pilgern aus der Stadt rauskämpfen muss, darauf war ich nicht vorbereitet. Das ist wieder ein Moment, wo ich mir, verrückt wie ich bin, selbst was beweisen muss. Und zwar, was „da Ösibua mitn hinnigen Haxn“ in den Bergen drauf hat. Startschuss. Als die Steigung beginnt und die Ersten anfangen zu verzweifeln, geb‘ ich erst richtig Gas. Einen Pilger nach dem anderen lasse ich am Weg stehen und, ganz ehrlich, keine Ahnung, warum ich so gerannt bin, die Kilometer fallen einer nach dem anderen. Von der Dunkelheit ins Licht. Am Berg wird es langsam hell und der Ausblick lässt sich heute echt sehen.

Mitten im Nichts am Wegesrand gibt es einen Foodtruck, der die Pilger nach der ersten Anstrengung mit Getränken und Essen versorgt. Klassisch Monopol.

Naja, ich hab‘ auch noch nicht gefrühstückt, also erstmal ’ne kleine Pause und dann geht’s auch gleich weiter. Ohne Zurückhaltung geht’s weiter hinauf. Knapp drei Stunden hat’s gedauert, aber die 1.200 Höhenmeter der Pyrenäen sind überwunden. Kein Problem. Eigentlich auch fast schmerzlos. Der Spaß beginnt erst jetzt. Der Weg führt steil bergab. Über Geröll. Und jetzt fast unerträgliche Schmerzen im Bein und schon ist die Tragödie komplett. Mit komischen Hüpfbewegung, die irgendwie mein Bein entlasten sollen, bahne ich meinen Weg den Berg hinunter. Ich weiß nicht, wie gut ich dabei ausgesehen habe, aber ich bin mir fast sicher, richtig bescheuert. In dem Moment gibt es nur eine einzige Sache, die mich aufheitern kann. Ich bin in Spanien!! Endlich draußen aus diesem verdammten Land. Ziemlich fertig komme ich am Fuße des Berges am ersten Etappenziel Spaniens an, Roncesvalles. Was macht man, wenn man Schmerzen hat, komplett erschöpft ist, aber zu stolz ist, sich mit dem Etappenziel aller Pensionisten zu begnügen? Ja stimmt. Man packt noch 6 Kilometer drauf und geht einfach weiter. Tolle Idee. Danach gibt’s kaum noch was darüber zu sagen. Ich kämpfe mich verbissen von Ort zu Ort bis ich endlich bei meinem heutigen Hostel ankomme. War ja gar kein Problem. Das Schönste in so einem Moment wär doch jemand zum Reden. Glücklicherweise, die erste Person, die neben mir an der Rezeption auftaucht ist Peter. Nachdem ich ihn auf Englisch anspreche und das Gespräch nicht so wirklich ins Rollen kommt, stellt sich heraus, dass er aus Deutschland kommt und wir vielleicht Deutsch miteinander sprechen könnten. Naja, wär vielleicht ne gute Idee. So ein ausgiebiges Gespräch habe ich seit Ewigkeiten nicht geführt. So eine nette Abwechslung mal wieder. Dazu noch ein paar Biere und der erste Tag in Spanien wird zum Hit. Die Unterkunft ist trotz super Service und schönen Zimmern spottbillig, und ein 3-gängiges Pilgermenü um 10,50 € sehe ich persönlich als Geschenk. Was will ich eigentlich mehr? Die Schmerzen heute haben sich scheinbar doch ausgezahlt.

Tagesübersicht:

Weg: Saint-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles – Espinal

Strecke: 32 km

Schritte: 41.090

2 Kommentare zu „Mein Jakobsweg Tag #63

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    1. Hi Rob,
      sorry, dass ich erst jetzt antworte, aber an den letzten Tagen war die verbleibende Energie sehr begrenzt. 😅
      Freut mich, dass es dir gefällt, mich zu „begleiten“ und vielen Dank für die guten Wünsche – die kann ich immer gut brauchen. 😉
      Kai

      Gefällt 1 Person

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