Mein Jakobsweg Tag #33

Der Tag beginnt heute mal wieder sehr einsam. Meine schweizer Gefährten vom Vorabend sind heute bereits vor 7. 00 Uhr aufgebrochen. Vermutlich weil sie die Schnauze voll davon haben, täglich von mir überholt zu werden. Ich nutze die kürzeren Tagesetappen und schlafe mich gut aus, frühstücke in aller Ruhe und mach mich dann erst auf den Weg. Eindeutig die bessere Weise den Tag zu beginnen, aber jeder wie er möchte. Da ich der Letzte in der Unterkunft war, liegt es an mir, abzuschließen und den Schlüssel im Rathaus zu hinterlegen. Gar kein Problem, mich versteht hier ja eh jeder *Sarkasmus*. Glücklicherweise gibt’s beim Rathaus einen Briefkasten für diesen Fall. Also jeglichen Gesprächen mal wieder ausgewichen, mach ich mich auch direkt auf den Weg. Mit der aufgehenden Sonne im Rücken spazier‘ ich erstmal in den Wald.

Um mir ein wenig die Zeit zu vertreiben, versuche ich, mir nebenbei Übernachtungsmöglichkeiten für die nächsten Nächte zu checken. Nur gibt’s da ein kleines Problem und darüber muss ich mich jetzt einfach aufregen. Keiner dieser faulen, unhöflichen Franzosen findet auch nur im entferntesten den Aufwand wert, auf Emails oder SMS zu antworten. In meiner Verzweiflung habe ich auch mehrere davon angerufen, um meine Sprachkenntnisse doch unter Beweis zu stellen, aber auch hier erhalte ich keine Antwort. Was soll der Mist? Mitten im Nirgendwo, konfrontiert mit der Ignoranz eines ganzes Landes und einer landschaftlichen Szenerie, die sich seit Tagen nicht verändert hat, steigt langsam der Gedanke in mir auf „Was zur Hölle mach ich eigentlich hier?“. Langsam gehen mir die Antworten auf diese Frage aus, mit denen ich selbst zufrieden bin. Auf diesen internen Konflikt hinauf, sitze ich erstmals mitten am Hauptplatz in Tence auf einer Parkbank und sehe einfach dem morgendlichen Treiben der Stadt zu.

Mit Musik hinterlegt rauschen mir gefühlt eintausend Gedanken durch den Kopf. Ich wäge meine Optionen ab und der Weg nach vorne hört sich immer noch am besten an. Glücklicherweise rettet mich eine SMS aus dieser misslichen Situation. Ich hab‘ ein Bett für heute. Also weiter geht’s. Heute fällt es mir echt schwer, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren, weil langsam einfach alles gleich aussieht. Mit gesenktem Blick und starkem Schritt biege ich die letzten Kilometer für heute runter und möchte einfach nur mehr ins Bett. Um zirka 14. 00 Uhr bin ich in St Jeures und 5 Minuten später schon in meiner Unterkunft.

Nach einem Nachmittagsschläfchen sieht die Welt sicher gleich anders aus. Geduscht und ausgeruht mache ich mich auf den Weg, ein wenig den Ort zu erkunden. Zufällig ist heute ein Künstlermarkt im Ort, wo ich ein wenig bummeln kann und ein Eis gibt’s auch noch für mich. Gar nicht so schlecht. Zum Glück sind es nur noch 2 Tage bis Le Puy, wo ich hoffentlich endlich auf mehrere Pilger treffe. Und wenn mir das Glück auch noch hold ist, dann sprechen die sogar deutsch. Weiter machen und abwarten.

Tagesübersicht:

Weg: Montfaucon-en-Velay – Tence – St Jeures

Strecke: 20,5 km

Schritte: 28.760

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