Mein Jakobsweg Tag #20

Es ist Nacht, ich sitze im Bus Richtung Genf. Viele Leute auf engstem Raum, aber wieder niemand zum Reden. Ich lehne an der großen Fensterscheibe und beobachte den gelben Mond, der am Nachhimmel steht. Das Flackern der vorbeiziehenden Straßenlaternen, zusammen mit der Aufregung vor morgen, lassen mich nicht schlafen. Meine Sitznachbarin sieht mir beim Schreiben zu und fängt direkt ein Gespräch mit mir an. Schlaf bekomme ich dadurch trotzdem nicht, aber wenigstens vergeht die Zeit damit ein bisschen schneller. Zur zusätzlichen Aufregung werden wir um 4. 00 Uhr morgens noch von den Grenzposten in der Schweiz angehalten, um eine Passkontrolle durchzuführen. Perfekte Uhrzeit dafür, sag ich mal. Nach 3 Stunden Schlaf und einer endlos scheinenden Busfahrt komme ich endlich in Genf an. Die Stadt ist wie ausgestorben, eigentlich ziemlich logisch, um diese Uhrzeit und die Sonne geht gerade über dem Genfersee auf.

Einfach traumhaft. Ich genieße den Anblick noch einen Moment und dann mache ich mich auch schon auf meinen Weg. Ab der Kathedrale in Genf ist der Weg schon bestens beschildert, also folge ich einfach den blauen Schildern mit der Muschel. Diese führen mich zuerst einmal quer durch die Stadt und danach in immer ländlichere Gebiete. Die Müdigkeit macht sich natürlich sofort bemerkbar, weil ich meinen Körper sehr träge Schritt für Schritt den Berg hinauf schleppe. Oben angekommen erhaschen ich noch eine Blick auf Genf und dann geht’s auch schon über die Grenze nach Frankreich.

Da kommt auch schon das erste Problem auf mich zu. Ich habe durch das fehlende Internetsignal weder die Möglichkeit eine Unterkunft für heute Nacht herauszusuchen, noch versteht irgendjemand auch nur ein Wort der mir geläufigen Sprachen. Kurzer Verzweiflungsmoment. Da beschließe ich einfach, mein Glück zu versuchen und eine Telefonnummer einer Herberge, die ich zufällig entdeckt habe, anzurufen. Auf die Frage, ob die Person am Hörer denn Deutsch oder wenigstens Englisch spricht, bekomme ich eine freudige Antwort. Anne, die norwegische Gastgeberin, spricht in der Tat perfektes Deutsch und lotst mich mit einer groben Wegbeschreibung zu ihrer Herberge. Sie teilt mir auch sofort mit, dass ich heute bestimmt nicht alleine bleiben werde in der Unterkunft, was mir natürlich nichts ausmacht. An der Gite d’Etape angekommen, schmeiße ich mich sofort auf die Couch, um eine paar Stunden Schlaf nachzuholen. Da stehen auch schon die ersten meiner Mitbewohner in der Tür. Zwei junge Schweizer, die auch auf dem Jakobsweg unterwegs sind, zwar französisch sprechen, aber auch der englischen und vereinzelt der deutschen Sprache mächtig sind. Später kommt auch noch eine Französin dazu und wir essen alle zusammen Abend und unterhalten uns in drei verschiedenen Sprachen. Auch auf dem Weg selber begegne ich heute einigen Gleichgesinnten, was im Vergleich zu den letzten Wochen eine nette Abwechslung ist. Jetzt heißt’s für mich ordentlich ausschlafen und morgen geht’s weiter.

Tagesübersicht:

Weg: Genf – Neyedes – Beaumont

Strecke: 21,1 km

Schritte: 29.560

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